Image by Free-Photos from Pixabay

Etablierte Finanzbranche schreckt vor strengerer Taxonomie zurück

Ein Positionspapier von Nachhaltigkeitsorganisationen in der Finanzbranche fordert in acht Punkten einen umfassenden und Transparenz schaffenden Ansatz für eine Klassifizierung nachhaltiger Investitionsziele und Kapitalanlagen. Das wollen etablierte Banken und Fondsanbieter offenbar noch nicht unterstützen. 

Nachdem die EU im Juni Pläne für ein Klassifizierungssystem (Taxonomie) für nachhaltiges Wirtschaften vorgelegt hatte, melden sich jetzt CRIC, FNG, ÖGUT und ökofinanz-21 zu Wort. Sie legen acht konkrete Forderungen vor:

  1. Offenlegungspflichten für alle Finanzprodukte festschreiben.
  2. Soziale und governance-bezogene Ziele verbindlich aufnehmen.
  3. Eine vollständige Taxonomie entwickeln.
  4. Diversität und Wissenschaftsexpertise in der Plattform für ein nachhaltiges Finanzwesen sicherstellen.
  5. Berichtspflichten und -standards Taxonomie-kompatibel machen.
  6. Einfache Nutzung sicherstellen und kleine Akteure nicht benachteiligen.
  7. Ökologisch schädliche Stromerzeugung nicht als nachhaltig definieren.
  8. Menschen für den Wandel gewinnen und befähigen. Durch Bildung und Aufklärung.

Das Positionspapier wird von zahlreichen nachhaltig orientierten Finanzdienstleistern als „Unterstützer“ unterzeichnet. Auffällig ist die Abwesenheit all der etablierten Banken und Fondsanbieter, die sich beim Thema ESG & Sustainable Finance sonst als Vorreiter präsentieren.

Das Papier schafft Klarheit. Es zeigt auf der EU-Ebene die Defizite im aktuellen Verordnungs-Entwurf und die unterschiedlichen Positionen bei der Entwicklung der Nachhaltigkeits-Taxonomie. Es zeigt auf der Ebene der Finanzbranche in Deutschland, dass die Ambitions-Niveaus zwischen etablierten und nachhaltig orientierten Finanzdienstleistern weiterhin sehr unterschiedlich sind.

Und es zeigt die Notwendigkeit für Finanzdienstleister, sich im Rahmen der anstehenden Nachhaltigkeits-Regulierungen über einzelne Regulierungsvorhaben hinaus zu positionieren. Notwendig ist es, eine klare Haltung als gesellschaftlicher Akteur für eine nachhaltige Finanzwirtschaft mit einer positiven (oder regenerativen) Wirkung auf soziale und ökologische Systeme zu entwickeln.

Klarheit auf EU-Ebene

Kommission, EU-Parlament und Ministerrat verhandeln derzeit ein Klassifizierungssystem für nachhaltige Investitionsziele und Kapitalanlagen. Diese sogenannte Taxonomie soll – langfristig – in einer Positivliste definieren, welche Wirtschaftsaktivitäten als nachhaltig bezeichnet werden können. In einem ersten und kurzfristig anvisierten Schritt soll die Taxonomie nur grüne Wirtschaftsaktivitäten definieren. Finanzmarktteilnehmer mit Finanzprodukten, die als ökologisch nachhaltige Investitionen bezeichnet werden, müssen dann offenlegen, wie und in welchem Umfang die Kriterien der Taxonomie zur Bestimmung der ökologischen Nachhaltigkeit der Investition herangezogen werden. Soziale oder Governance-Kriterien werden dabei nur über eine sogenannte Mindestschutz-Regel – im Wesentlichen nur die Kernarbeitsnormen der Internationalen Arbeitsorganisation (IAO) – beachtet.

Aus EU-Sicht ermöglicht dieses Vorgehen eine schnelle Umsetzung: bereits Ende 2019 sollen Ergebnisse vorliegen. Die Taxonomie ist neben den Klima- & ESG-Benchmarks und den Offenlegungen für Investoren einer der drei zentralen Säulen der EU-Politik zum Thema Sustainable Finance.

Die Initiatoren des Positionspapiers – CRIC, FNG, ÖGUT und ökofinanz-21 – gelten in Fachkreisen nicht als aktivistische NGOs. Sie sind Informations- und Kompetenzzentren mit dem Anspruch, durch Dialog und Informationsaustausch die Nachhaltigkeit in der Finanzwirtschaft zu fördern. Mit dem Positionspapier tragen sie zur Klarheit bei, was auf EU-Ebene aktuell möglich ist und was politisch und regulatorisch noch möglich wäre. Strategisch zeigt das Papier daher auch die weiteren möglichen Entwicklungsschritte der Taxonomie auf. Als Benchmark sollten die acht Punkte daher in keiner Strategiepräsentation beim Thema Sustainable Finance fehlen.

Wer strategisch noch ein Stück weiter denken will, sollte die Entwicklungen zum „Blueprint 6: Sustainable Finance“ der Reporting 3.0 Plattform im Auge behalten. Die globale und gemeinnützige Plattform entwickelt Empfehlungen für notwendige Transformationen in verschiedenen Bereichen und Sektoren, um eine prosperierende, regenerative und dezentrale Wirtschaft und Gesellschaft zu erreichen. Mit dem Blueprint Nr. 6 soll der Begriff Sustainable Finance definiert und Best Practices zur Erreichung nachhaltiger Ziele identifiziert werden.

Die Rolle der etablierter Finanzmarkakteure

Die Mitgliederliste des Mitinitiators FNG umfasst etablierte deutsche Finanzmarktakteure wie etwa Allianz Global Investors, DekaBank, DWS, DZ BANK, Union Investment oder LBBW. Keiner dieser Akteure taucht jedoch in der Unterstützerliste der Stellungnahme auf.

Damit herrscht wieder etwas mehr Klarheit in der aktuellen Gemengelage beim Thema Sustainable Finance.

Alle genannten etablierten Akteure würden für sich sicherlich eine Vorreiterrolle beim Thema Sustainable Finance, zumindest aber in der klassischen ESG-Integration beanspruchen. Die regulatorisch ambitionierte (aber keineswegs radikale oder utopische) Stellungnahme zur Taxonomie wollte aber offenbar keines der etablierten Finanzinstitute unterzeichnen.

Es ist legitim und verantwortungsvoll, nur Positionspapiere zu unterzeichnen, die auch dem eigenen Ambitions- Niveau oder Public-Affairs-Rahmen entsprechen. Die Börsenzeitung schreibt dazu in einem Kommentar, dass „die Fondshäuser vor dem Balanceakt stehen, in ihrer Rolle als Nachhaltigkeitsakteure glaubhaft zu sein, ohne einer aus Branchensicht zu strengen Regulierung den Weg zu ebnen“.

Das Positionspapier offenbart jedoch, dass die etablierte Finanzbranche vor einer strengeren Taxonomie zurückschreckt. Es dokumentiert, wie unterschiedlich die Ambitionen beim Thema Sustainable Finance zwischen etablierten und nachhaltig orientierten Finanzdienstleistern immer noch sind.

Nicht nur für die Nachhaltigkeitsverantwortlichen der etablierten Institute sollte dies ein Signal sein, die Auseinandersetzung mit Thema „Nachhaltigkeit im Kerngeschäft“ wieder verstärkt auf die Agenda der Unternehmensführung zu setzen.

Ohne Haltung keine klare Positionierung  

Das Positionspapier zeigt zudem die Notwendigkeit für die etablierten Institute, sich im Rahmen der anstehenden Nachhaltigkeits-Regulierungen und über einzelne Regulierungsvorhaben hinaus (neu) zu positionieren.  

Mit der anstehenden Taxonomie-Verordnung, den geplanten EU-Benchmarkregulierungen, den Überlegungen zu EU-Offenlegungspflichten sowie den diskutierten Anpassungen von MiFID II (Stichwort: verpflichtende Hinweis auf Nachhaltigkeit im Kundengespräch) gewinnt das Thema Sustainable Finance weiter an Fahrt. Zudem plant die Kommission eine Verstärkung der Maßnahmen zur Eindämmung der Kurzfristigkeit im Finanzsystem. Ein „weiter so“ mit den bekannten Strategien wird für die etablierten Finanzmarktakteure immer schwerer möglich sein.

Zudem haben auch die Aufsichtsbehörden das Thema Nachhaltigkeit aufgegriffen. Das verdeutlicht nicht zuletzt die aktuelle Publikation der BaFin zum Thema Nachhaltigkeit oder das Netzwerk von Zentralbanken und Aufsichtsbehörden für die Ökologisierung des Finanzsystems (NGFS). Im Bankenpaket (Maßnahmenpaket der EU-Kommission für die Reform des Bankenwesens) wird die Europäische Bankenaufsichtsbehörde mit der Erstellung von zwei Berichten beauftragt, die sich mit der Einbeziehung von Umwelt-, Sozial- und Governance-Risiken (ESG-Risiken) in den Aufsichtsprozess sowie der aufsichtlichen Behandlung von Vermögenswerten im Zusammenhang mit ökologischen oder sozialen Zielen befassen. Darüber hinaus werden große Institute verpflichtet, Informationen über ESG-Risiken, denen sie ausgesetzt sind, zu veröffentlichen.

Viele etablierten Finanzdienstleister entwickeln im Zuge dieser Entwicklungen ihre Position zum Thema Sustainable Finance immer noch taktisch und folgen nur schrittweise von Regulierung zu Regulierung.  Dahinter steht ein veraltetes Verständnis, das die Verantwortung komplett an den Staat abgibt. Notwendig ist jedoch eine langfristig orientierte Positionierung, die auf einer eigenständigen Haltung zum Thema Sustainable Finance beruht.

Nachhaltigkeit ist das große Thema unserer Zeit. Als Teil der Finanzindustrie sind gerade Finanzdienstleister und Versicherungsunternehmen aufgefordert, Verantwortung für eine nachhaltige Zukunft der Gesellschaft zu übernehmen.

Image by Free-Photos from Pixabay

0 Kommentare

Hinterlasse einen Kommentar

An der Diskussion beteiligen?
Hinterlasse uns deinen Kommentar!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.